Freitag, 11. März 2011

„Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern“

MATTHÄUS 6,12 „Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern“. Zum ersten Mal fängt hier eine Bitte mit „und“ an. Das bedeutet, dass sie mit der vorhergehenden zusammengehört. „Gib uns heute unser tägliches Brot und vergib uns unsere Schuld“. Jesus geht offenbar davon aus, dass wir die Vergebung unserer Schuld so nötig haben wie das tägliche Brot. Wie wir körperlich zugrunde gehen ohne Nahrung, so verkümmern wir seelisch-geistig ohne Vergebung. Die Vergebung der Schuld ist nötig. Aber da wird es schwierig. Das Thema Schuld ist doch ein unangenehmes Reizwort. Manche Menschen sagen: ‚Ich brauche doch keine Vergebung. Ich habe mir doch nichts zuschulden kommen lassen. Ich bin ja schliesslich nicht kriminell’. Andere sagen: ‚Natürlich mache ich Fehler. Natürlich läuft manches schief in meinem Leben. Aber mit Schuld hat das nichts zu tun. Aus einer Verkettung unglücklicher Umstände habe ich gar nicht anders handeln können. Und abgesehen davon: wenn schon Schuld, dann ist Gesellschaft schuld, oder meine Gene, oder die Politiker oder das Schicksal, aber sicher nicht ich’. So tönt es. So wie wir das tägliche Brot meistens ohne Dankbarkeit nehmen und essen, so wollen wir uns auch einfach selber vergeben oder uns von diesem Problem verabschieden, indem wir schlicht bestreiten, dass es eines ist. Leider ist ja in der Kirchengeschichte mit diesem Thema auch viel Schindluder getrieben worden. Man hat den Menschen z.T. viel zu viel Sünden-Angst eingeredet und so auch das Gute eingeschränkt. Dass man mit dem Ablassbrief sogar Sündenvergebung kaufen konnte, hat ja dann den Protest von Luther ausgelöst und zur Reformation geführt. Wenn man zu viel von Schuld redet und zu wenig von der Vergebung, dann wird im Grund alles falsch, weil dann der Schwerpunkt am falschen Ort liegt. Das ist, wie wenn man immer auf den dunklen Schatten starrt und das Licht daneben gar nicht wahrnimmt. Darum geht es jetzt gar nicht darum, uns unsere Schuld vorzurechnen, sondern es geht darum, dass wir die Liebe und Vergebung Gottes erkennen, die Jesus Christus uns bringt. Jesus rettet die Ehebrecherin vor der Todesstrafe, indem er zu ihren Verfolgern sagt: „Wer unter euch ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein auf sie“ (Joh 8,7). Da kann es sich keiner mehr leisten, als erster zuzuschlagen, aus Angst, jemand könnte auch ihm eine Schuld vorhalten. Da macht Jesus bewusst, dass wir Menschen bezüglich Schuld alle im gleichen Boot sitzen, dass wir ausnahmslos alle Vergebung nötig haben. Dass Schuldigwerden unausweichlich ist, dass es eine existentielle Ur-Erfahrung aller Menschen ist, das zeigt sich ja von den antiken Dramen über die griechischen Tragödien bis zu den Mythen aller Völker. Ursprüngliche Kulturen haben noch die höheren Mächte um Vergebung gebeten, bevor sie einen Baum fällten oder ein Tier töteten. Allerdings haben sie z.T. auch grausame Opfer gebracht, vom Speise- und Trankopfer bis hin zum Tier- oder sogar Menschenopfer, alles, um die Götter gnädig zu stimmen. Das lehnt Jesus radikal ab. Aber auch er ist überzeugt, dass Vergebung nicht billig zu haben ist, dass sie einen grossen Preis kostet, dass sie sein eigenes Leben kostet. Er sagt bei seinem letzten Abendmahl zu den Jüngern: „Das ist mein Blut des Bundes, das für viele vergossen wird zur Vergebung der Sünden“(26,28). Jesus versteht sich da selbst als letztes und endgültiges Opfer, um Versöhnung mit Gott zu stiften. „Einem Menschen vergeben heisst nicht, das, was er getan hat für ungeschehen erachten, nicht wahrhaben wollen oder schlicht vergessen. Vergeben kann unter Umständen bedeuten, gerade nicht zu vergessen. Vergeben heisst: die Vergangenheit eines anderen keinen Einwand dagegen sein lassen, dass ich ihn annehme. Vergebung heisst nicht das Ja zu einer vergangenen Schuld, wohl aber das Ja zu einem Menschen mit seiner vergangenen Schuld. In diesem Sinn ist Vergebung ein Grundwort des christlichen Glaubens“. Es ist spannend zu sehen, wie auch die Psychologie dieses Thema wieder neu entdeckt. In einer Fachzeitschrift standen folgende Titel: „Wer vergeben kann, tut sich selbst Gutes / Wer nachtragend ist, muss viel schleppen / Wie Feindseligkeit und Nicht- Verzeihen-Können krank machen“. Da wird sogar festgestellt: wer an den gütigen und verzeihenden Gott glaube, dem falle es leichter, Vergebung anzunehmen, als jemandem, der an einen strengen Richtergott glaube. So ist es. Und es geht da nicht um taktisches und berechnendes Vergeben, sondern um etwas Existentielles, das uns Menschen zuinnerst ergreift, weil wir selbst vom unverdienten Geschenk der Vergebung durch Gott ergriffen worden sind. www.bibelkreis-muenchen.de

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